Glutensensitivität

Harmlos oder doch ein unterschätztes Problem?

Bei Thema Gluten scheiden sich die Geister. Grundsätzlich soll es für die meisten Menschen vollkommen unbedenklich sein, doch es gibt inzwischen zahlreiche Hinweise, dass der sogenannte Klebereiweiß nicht nur für Zöliakie-Patienten problematisch sein kann.

In den letzten Jahren wurden die potentiell schädlichen Auswirkungen von Gluten immer besser erforscht. Naturheilkundlich orientierte Ärzte und Heilpraktiker sind schon lange der Meinung, dass das Proteingemisch nicht nur ausschließlich bei Zöliakie oder Glutensensitivität bedenklich sein kann. Während Gluten bei Betroffenen zwar überwiegend Symptome im Verdauungssystem verursacht, kann die Substanz möglicherweise auch schädliche Auswirkungen auf das Gehirn haben und die Entstehung und den Verlauf von Autoimmunerkrankungen beeinflussen.

Was ist eine Glutensensitivität?

Die Glutensensitivität (GS) ist eine chronische gastrointestinale Störung, die sich von der Zöliakie unterscheidet. Beim Verzehr von Gluten können vielfältige Symptome auftreten. Während Zöliakie lange Zeit als die einzige Krankheit galt, die durch den Konsum von Gluten hervorgerufen wird, geht man heute immer mehr davon aus, dass das Spektrum der Glutenempfindlichkeit viel breiter ist als ursprünglich vermutet. Wie bei der Zöliakie aktiviert die GS das Immunsystem.

Eine Glutensensitivität kann vorliegen, bei folgenden Kriterien:

  • Die Zufuhr von Gluten verursacht Magen-Darm-Beschwerden.
  • Eine glutenfreie Diät führt zu einer Linderung der Symptome.
  • Eine Weizenallergie wurde ausgeschlossen.
  • Zöliakie wurde ausgeschlossen.
  • Die Darmschleimhaut ist normal (keine Zottenatrophie).
  • Keine erhöhten Anti-Gliadin-Antikörper (AGA).
  • HLA-DQ2 und / oder HLA-DQ8 können positiv sein (bei ca. 40 Prozent GS-Patienten)

Trotz der vielen, neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema und der großen Anzahl von Menschen, die von einer Glutensensitivität betroffen sind, werden Beschwerden oft nicht ernst genommen. In vielen Fällen bleibt die Erkrankung unbehandelt.

Während die Glutensensitivität möglicherweise die häufigste, nicht allergische Reaktion auf Weizen ist, besteht auch die Möglichkeit, empfindlich auf andere Substanzen in Weizen wie Weizenkeim-Lektine (WGA), Alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) zu reagieren. Sogenannte Gluten-Exorphine, Nebenprodukte, die bei der Glutenverdauung anfallen, können, ähnlich wie Casein, wie Opioide wirken. Die Empfindlichkeit gegenüber diesen Peptiden kann ähnliche Symptome wie bei einer Glutensensitivität verursachen.

Glutensensitivität und die Darm-Hirn-Achse

Die Symptome einer GS können auf Verdauungsbeschwerden beschränkt sein, wie z.B. Durchfall, Verstopfung und Blähungen. Man vermutet jedoch, dass eine Glutensensitivität bei anfälligen Personen auch einen signifikanten Einfluss auf die Psyche haben kann.

Die Darm-Hirn-Achse ist eine Verbindung zwischen dem enterischen und dem zentralen Nervensystem. Faktoren, welche die Darmgesundheit beeinflussen, wie die Ernährungweise und die Zusammensetzung des Mikrobioms, wirken sich somit letztendlich auch auf die Gehirnfunktion aus. Bei einer GS können durch Gluten ausgelöste entzündliche Prozesse im Darm über Umwege eine sogenannte Neuroinflammation im Gehirn auslösen. Es ist bekannt, dass die Neuroinflammation eine bedeutende Rolle bei Erkrankungen des Gehirns spielt.

Bei der Glutensensitivität gibt es eine Reihe von Faktoren, die letztendlich zu einer Neuroinflammation und zu den damit verbundenen Veränderungen im Gehirn führen können.

  • Gluten kann chronische Entzündungen im Darm verursachen und die Durchlässigkeit der Darmbarriere erhöhen.
  • Durch eine erhöhte Darmpermeabilität können sogenannte Lipopolysaccharide, die von Darmbakterien produziert werden, aus dem Darm in den Körper gelangen. Diese aktivieren das Immunsystem und fördern die Freisetzung von entzündungsfördernden Zytokinen.
  • Lipopolysaccharide und Zytokine können systemische Entzündungen auslösen und bei einer Beteiligung des Gehirns zu einer Neuroinflammation führen.
  • Eine Neuroinflammation kann Funktionsstörungen des Gehirns begünstigen und wird mit kognitiven Beeinträchtigungen und einer erhöhten Anfälligkeit für neurodegenerative Erkrankungen assoziiert.

Neuroinflammation wird mit Depressionen und Angstzuständen, bipolaren Störungen, Schizophrenie,  ADHS, und einer erhöhten Anfälligkeit für neurodegenerative Erkrankungen in Verbindung gebracht. Eine Glutensensitivität kann ein Auslöser für Neuroinflammation und somit möglicherweise Ursache einer Reihe von psychischen Beschwerden sein.

Gluten und Autoimmunerkrankungen

Laut einer Metaanalyse können sich mehrere Aspekte von Gluten negativ auf die Gesundheit auswirken. Wie bereits erwähnt, kann Gluten das Mikrobiom negativ beeinflussen und die Darmpermeabilität verschlechtern. Es steht auch im Verdacht oxidativen Stress und Entzündungen zu fördern und zudem immunogen und zytotoxisch zu wirken. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass bei einer Reihe von nicht-zöliakischen Autoimmunerkrankungen, eine glutenfreie Diäten dazu beitragen kann, die negativen Effekte von Gluten besser zu kontrollieren.

Ernährungstherapie

Eine glutenfreie Ernährung kann dazu beitragen das Gleichgewicht des Mikrobioms wiederherzustellen und systemische Entzündungen zu reduzieren. Gemüse, Früchte, hochwertige tierische Eiweißquellen, genügend Omega-3-Fettsäuren wirken entzündungshemmend. Probiotika und Ballaststoffe können die Darmflora günstig beeinflussen und stabilisieren.

Aufgrund der erhöhten Belastung durch oxidativen Stress bei einer Glutensensitivität, ist es empfehlenswert auf eine Ernährung zu achten, die reichlich Antioxidantien enthält. Walnüsse, Heidelbeeren, Brombeeren, Äpfel, Brokkoli, Rotkohl, Kurkuma, grüner Tee oder dunkle Schokolade enthalten beispielsweise besonders viele Antioxidantien.